Erinnerung aus unserer Kindheit – Bildwelten und Bücher

23. October 2026


In meiner Kindheit gab es nicht sehr viele Bilderbücher, dafür ein paar Kunstbände. Im Wohnzimmer standen sie im untersten Regal, bestens griffbereit und vor allem immer zugänglich. Ich kann mich erinnern, dass ich schon weit vor dem Kindergarten einen ziemlich abgegriffenen Band über Hieronymus Bosch immer wieder durchgeblättert habe und mich an diesen Bildern nicht satt sehen konnte, zusammengekauert unter dem Couchtisch.

Phaidon 1959

Angefangen bei diesen eigenwilligen Bildwelten aus einer fernen Zeit, zieht sich die Faszination Bild durch mein Leben, vom Kunstgeschichtsstudium bis zum beruflichen Umgang mit Bilderbuchwelten.

Wie toll, dass ich vor Kurzem im spannenden Fachbuch Picture Book Makers. Part two (dpictus 2025) in der Illustratorin Anna Höglund eine Verbündete gefunden habe. Sie schreibt: Auch wenn „The Shadow“ (Anmerkung BJ: ein Bilderbuch von Anna Höglund) für Kinder durchaus zugänglich ist, handelt es sich dabei nicht um ein Kinderbuch. Die Einordnung kann manchmal schwierig sein. Als Kind mochte ich persönlich ein Buch mit Hieronymus Boschs Darstellungen der Hölle, das wir zu Hause hatten. Die Geschmäcker sind eben verschieden.”

McCullen, Sam (Hrsg.): Picturebook Makers. Part Two. dPICTUS 2025, S.132
https://dpictus.com/picturebookmakers_book_part2

Kindliche Vorlieben sind nicht zu unterschätzen, denn sie sind ein grosser Motivator für weitere Lektüren. Insofern muss ich mir wohl keine Sorgen machen, um diese doch eigenwillige Vorliebe in jungen Jahren.

Boschs Einzelgemälde und Triptychen aus dem 15. Jahrhundert zeigen meist religiöse Motive, vom Garten der Lüste bis zum Jüngsten Gericht ist Bosch in der christlichen Ikonographie verhaftet. Die Bilder sind reich an Figuren und Fabelwesen und vor allem an höchst ungewöhnlichen Bildelementen, deren Deutungszusammenhang und Interpretation oft heute noch nicht gesichert sind. Von all dem hatte ich als kleines Kind keine Ahnung, doch das Unerklärliche in den Bildern hat mich genauso angezogen wie das augenscheinlich Gruselige: die ausserkraftgesetzten Grössenverhältnisse, losgelöste Ohren mit Messern dazwischen oder Erdbeeren mit Schwänzen und schwerbewaffnete Fische bis hin zu Menschen in zartdurchsichtigen Kugeln oder mit Tierköpfen. Jedes der wimmeligen Bilder ist eine Herausforderung; sich darin zurechtzufinden und sich einen Reim drauf zu machen oder gar Geschichten dazu auszudenken. Und im Fall des Jüngsten Gerichts ist sicher auch etwas Angstlust dabei.

Phaidon 1959

Die Nacktheit der Menschen hingegen habe ich erst viel später bemerkt, das war offenbar unwichtig. Auch die Tatsache, dass ein Grossteil der Bilder schwarzweiss gedruckt ist, hatte keinen mindernden Einfluss darauf, dass ich immer wieder zu genau diesem Buch griff. Heute fällt dieses Argument allerdings schon, wenn es um pädagogische Diskussionen um zuwenig Farbe bzw. zuviel Schwarz in Bilderbüchern geht.

Moritz 2026

Dass der Moritz Verlag 2016 ein von Thé Tjong-Khing zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch gestaltetes (leider auf Deutsch vergriffenes) textloses Bilderbuch nach Motiven von Bosch und im Stile der «Torten»-Bücher rausgegeben hat, hat mein Kinderherz hüpfen lassen. Und selbstredend bin ich auch den neuen Fabelwesen und ihren Geschichten erlegen.

Und wer weiss: Vielleicht ziehen mich Wimmelwelten, die so viele Geschichten beinhalten bzw. auch textlose Bilderbücher, Silent Books, noch heute so magisch an, weil mir niemand die Bildwelten von Bosch weggenommen hat mit dem Argument, ich sei dafür zu klein?

Barbara Jakob

p.s.

Wie schön auch, dass es eine Website gibt, auf welcher man durch Boschs Garten der Lüste streunen und sich hineinzoomen kann. https://archief.ntr.nl/tuinderlusten/en.html