Kaleidoskop Leseanimation

1. Mai 2023


Wo Literaturvermittlung und Leseanimation entsteht

Werkstattbild: Aus Altem entsteht etwas Neues – die Kinderstuhl-Hussen haben ausgedient, daraus entstehen viiiiele Sandsäckchen.

Laufende Projekte

Gerade habe ich meine Materialtaschen der vergangenen Buchstart- und Geschichtenveranstaltungen ausgepackt, alles weggeräumt und mich dem Chaos auf, unter und rund um den Arbeitstisch gestellt. Materialien zu einem Bilderbuch verstaue ich in mit dem Buchtitel beschrifteten Gummizugmappen oder bei nur wenig Papier-Material lege ich es in einem Ordner alphabetisch nach Buchtitel ab. Grösseres Material, welches im Zusammenhang mit anderen Geschichten später wieder Verwendung finden kann, räume ich in meine diversen Kisten: u.a. Kisten zu Jahreszeiten, mit Figuren, Plüschtieren, Tüchern, Instrumenten und diversem Bastelmaterial. Natürlich gibt es da noch die undefinierbare, monströse «Chrüsimüsi-Kiste», wo alles landet, was sonst keinen Platz findet. Häufig verwende ich Dinge aus dem Spielzeugfundus meiner Kinder und mein Mann freut sich jeweils sehr, wenn Alltagsgegenstände wie z.B. das bereits vermisste Nudelholz zurück in der Küche auftauchen. 

Nach der Veranstaltung ist vor der Veranstaltung. Die Planungen von neuen Buchstart- und Geschichtenveranstaltungen sowie des neuen Quartals in meinen Eltern-Kind-Singkursen stehen an. Meist geht es nicht lange und mein Arbeitstisch versteckt sich wieder unter Notizen, Ideen, tollen Kinderbüchern, Liedblättern, Versen, Arbeit zu laufenden Projekten wie dem «Bücherspielplatz» oder der «Drehscheibe Bibliothek», Basteleien und Schnipseln und was sonst noch so alles auf meinem Tisch (nicht ausschliesslich aber vor allem von mir) deponiert wird. Wie genau es jeweils so weit kommt, kann ich mir nicht so recht erklären ;-)… Schnell nutze ich die Gelegenheit und den leeren Tisch und hole meine Nähmaschine hervor. Schon lange möchte ich Sandsäckchen nähen! Stoffresten habe ich zuhauf; womit ich die Säckchen schlussendlich fülle, weiss ich noch nicht – Sand, Bohnen, Steinchen, Granulat? Mal sehen, was mein Fundus so alles hergibt. Und sowieso: Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Idee zum Einsatz von gefüllten Stoffsäckchen schlummert schon lange in meinem Hinterkopf: Auf dem Kopf balancierend verwandeln sich die Säckchen zu Kronen und wir uns zu Königen und Königinnen, sie werden zum Steuerrad für wilde Fahrten durch die Bibliothek, können zu einem Balancierpfad ausgelegt werden, nehmen auf den Boden gelegt unterschiedlichste Figuren und Formen an und eignen sich hervorragend zum Zielwerfen sowie für Massageverse. 

Das Material zu den Geschichten – Planungen, Verse und Lieder, Papierfiguren, kleine Basteleien o.ä. – packe ich in Gummizug-Mappen.
Grösseres Material verstaue ich in diversen Kisten in meinem Estrich-Raum.
Zugegeben, in der Chrüsismüsi-Kiste herrscht ein Durcheinander und der Deckel passt schon lange nicht mehr drauf, aber ich finde die Dinge trotzdem 🙂

Einzigartig

Vorbereitete Buchstartanimationen zu einem Bilderbuch oder Thema führe ich normalerweise in verschiedenen Bibliotheken durch. Dennoch ist jede Veranstaltung einzigartig. Denn die Anzahl Teilnehmende variiert stark, die Kinder sind unterschiedlich alt und bringen verschiedene Sprach- und Sprechfähigkeiten mit. Es gibt zurückhaltende und mutige Kinder, aber auch müde oder hungrige, wilde und sehr ruhige Kinder. Manche Kinder kennen mich bereits gut, während andere zum ersten Mal in einer größeren Gruppe von Kindern und Erwachsenen sind. Ausserdem verändert sich eine Veranstaltung stark durch das Engagement oder die Zurückhaltung der Erwachsenen – denn sind wir ehrlich, eine Buchstartveranstaltung richtet sich mindestens genauso stark an die Eltern wie an ihre Kinder ;-). 

Als Leseanimatorin ist es besonders faszinierend, mit Kindern und ihren Erwachsenen in die Welt der Geschichten einzutauchen, sie dabei aktiv einzubeziehen, mit ihnen in den Dialog zu treten und ihre Ideen und Beiträge aufzugreifen. Mit der einen Gruppe wiederhole ich lustige Lieder und Verse x-Mal, während ich mit anderen Gruppen an derselben Stelle schneller durch die Geschichte gehe und wir uns mit anderen Aspekten intensiver auseinandersetzen. Mein Ziel ist es nicht, mein sorgfältig vorbereitetes Programm strikt durchzuführen. Ich ändere, passe an, lasse Dinge weg oder ergänze mit einer spontanen neuen Idee, um eine abwechslungsreiche und möglichst passende Veranstaltung zu gestalten. Und ganz ehrlich, manchmal merke ich während der Veranstaltung, dass ich etwas vergessen habe; vielleicht baue ich es dann doch noch irgendwie in die Geschichte ein oder lasse es ganz weg. 

Der Ablauf meiner geplanten Leseanimation zu einem Bilderbuch kann sich im Laufe der verschiedenen Veranstaltungen auch grundsätzlich ändern – wie beispielsweise bei meiner Veranstaltung zum Bilderbuch «Oskar liebt…» im vergangenen Monat. Ursprünglich hatte ich mir zu acht ausgewählten Bildern aus dem Bilderbuch eine Reise-Geschichte überlegt. Bereits während der ersten Veranstaltung habe ich mich jedoch spontan entschieden, zwei Bilder wegzulassen, da wir uns mit den vorangehenden Versen und Liedern so intensiv beschäftigt hatten. Im Verlauf der Veranstaltungsreihe habe ich die Geschichte gar auf fünf Bilder gekürzt und die gebastelten Requisiten ganz weggelassen.
Dadurch bleibt es auch für mich als Erzählerin interessant und keine Veranstaltung ist wie die andere. Wie wunderbar ist meine Arbeit mit diesen Freiheiten, wobei ich mit viel Freude und Herzblut dabei sein und dies so weitergeben darf.

Bild aus dem vielfältig einsetzbaren Bilderbuch «Oskar liebt…» von Britta Teckentrup, erschienen 2016 im Prestel Verlag
Buchstartanimationen führe ich besonders gerne im Kreis durch wie hier rund um den «Hallwilersee» mit leichtem bis sehr starkem Wellengang.

Musikalische Elemente in den Leseanimationen

Wenn immer möglich setze ich musikalische Elemente ein in meinen Leseanimationen. Mit den bereitgestellten Instrumenten können alle teilhaben und müssen sich nicht unbedingt durch Singen exponieren. Die Kinder lieben die Orff-Instrumente zur Liedbegleitung. Mit Hilfe von Instrumenten können wir beispielsweise das Klopfen der Regentropfen vertonen und ausprobieren, wie im Gegensatz dazu ein herabfliessender Wasserstrahl klingen würde. Wir erproben die Gegensätze laut und leise, langsam und schnell, kurz und lang, hoch und tief. Regengeräusche können wir auf viele verschiedene Arten selbst produzieren: z.B. mit den Fingernägeln auf Stühle oder auf den Boden klopfen, auf eine Handtrommel klopfen, mit dem Regenrohr, einen aufgeblasenen Ballon schütteln, der mit etwa 3 Reiskörnern gefüllt wird, mit Zeitungsrascheln und indem wir Krälleli oder getrocknete Bohnen in eine Kiste rieseln lassen. Lieder plane ich in jede Leseanimation ein. Manchmal darf auch meine Ukulele oder Gitarre mit zu einer Veranstaltung. Bereits wenige Akkorde reichen, um ein Lied prima und effektvoll zu begleiten.

Ist am Veranstaltungsort genügend Platz vorhanden, bewegen wir uns mit oder ohne Musik durch den Raum: tanzend, schleichend, rennend, drehend… Das macht Spass und kann zu Hause besonders gut von den Eltern mit ihrem Kind wieder aufgegriffen werden. 

Musikalische Elemente gibt es auch in und mit den Värsli zu entdecken – der Vers ist auf den ihm eigenen Rhythmus angewiesen. Wird ein Vers nicht rhythmisch gesprochen, verliert er seinen Zauber und seine Wirkung. Zu gewissen Versen kann auch wunderbar durch den Raum marschiert werden. Wie klingt der Vers, wenn wir ihn lustig oder traurig aufsagen, mal schnell und dann wieder langsam sprechen oder ihn laut zum Fenster rausrufen?Ich erlebe bei den Versen und Liedern eine verbindende Wirkung in den Leseanimationen, welche eine gewisse Ruhe in die Veranstaltung reinbringen.

Aus verschiedenen Orff-Instrumenten kann ausgewählt werden
Um die Liedmelodie zu stützen, eignen sich Klangstäbe, Ukulele, Gitarre, Blockflöte…
Ganz einfach lassen sich bspw. Rasseln kostengünstig selbst herstellen – vielleicht nicht für die Leseanimation mit den ganz Kleinen geeignet, denn Klorollen-Rasseln weichen auf, werden sie in den Mund genommen…

Liederquellen

Kurze, eingängige Lieder eignen sich aus meiner Erfahrung am besten für die Leseanimations-Veranstaltungen. 

Begebe ich mich auf die Suche nach Liedern, stehen in meinem Bücherregal einige Liederbücher, in welchen ich oftmals fündig werde, siehe die Bilder unten. 

In meinem «digitalen Bücherregal» befinden sich u.a. Liederhefte von Stephanie Jakobi-Murer, Gerda Bächli, Béatrice Gründler und Andrew Bond. Ein Tipp: Auf der Seite https://liederladen.ch/ können einzelne Lieder oder ganze Hefte mit oder ohne Audio-Dateien gekauft werden.

Finde ich kein passendes Lied zu einem bestimmten Thema, nehme ich eine Melodie, die vielen Erwachsenen bekannt ist (wie z.B. «Bruder Jakob», «Roti Rösli im Garte», «Alli mini Äntli», «Det äne am Bärgli», «Vogelhochzeit», «D Appizeller sind luschtig», «Oh, Tannenbaum», «Alle Vögel sind schon da» usw.) und dichte dazu einen neuen, zum Thema passenden Text. 

Wenn ich ein Lied ändere oder gar ganz umdichte, schreibe ich es bei Bedarf mit Hilfe der App «MuseScore 3» neu auf. Auch hier frisch fröhlich nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.